Männer mit Schutzhelmen

 

Kanada sieht sich selbst als Einwanderungsland. Wobei die Einwanderer auf Dauer kommen sollen und durch ihre Arbeit und Steuern dem kanadischen Staat Nutzen bringen. Dafür erhalten die Einwanderer eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, können sogar nach einigen Jahren die kanadische Staatsbürgerschaft annehmen. Ein langfristig angelegtes Geschäft auf Gegenseitigkeit. Nicht so recht ins Bild zu passen scheinen da Arbeitsvisa für Ausländer, die nur eine relativ kurze Zeit gültig sind und eine Art Gastarbeiter-Status verleihen.

 

 

 

Warum stellt ein Einwanderungsland überhaupt befristete Arbeitsvisa aus?

 

 Die Ausstellung von zeitlich befristeten Work Permits (was man mit „Arbeitsvisa“, „Arbeitsgenehmigungen“ oder „Arbeitserlaubnissen“ übersetzen kann) für ausländische Arbeitskräfte war und ist in der kanadischen Öffentlichkeit und Politik umstritten. Oft wurden von Gewerkschaftsseite Vorwürfe des Lohndumpings und der Verletzung kanadischer Arbeitnehmerinteressen laut. Auf der anderen Seite argumentierten kanadische Arbeitgeber, dass manche akuten Engpässe auf dem Arbeitsmarkt nur durch die Beschäftigung von Ausländern zu beseitigen seien – entweder, weil entsprechend ausgebildete Kanadier fehlten oder weil Kanadier nicht bereit seien, bestimmte unattraktive Job anzunehmen. Dieser Interessenkonflikt spiegelt sich auch in der Unübersichtlichkeit der vielen Work Permit Bestimmungen für Ausländer wieder – hier wirken selbst Experten manchmal überfordert.

  

Warum ist es so schwierig geworden, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen?

 

Ein in den kanadischen Medien ausgiebig kommentierter und besonders brisanter Fall von Work Permit Vergabe im Jahr 2013 (zusammen mit einer Reihe anderer „Skandale“) zwang die Regierung zum Handeln. Eine deutliche Verschärfung der Bestimmungen und eine restriktivere Vergabe von Arbeitsgenehmigungen waren die Folge. Was war passiert? Eine Bank in Kanada hatte einer Reihe von kanadischen Mitarbeitern gekündigt. Die freiwerdenden Stellen sollten zum Teil mit Bankkaufleuten aus Indien besetzt werden, für die Arbeitsgenehmigungen beantragt worden waren. Die indischen Arbeitskräfte sollten dann angeblich von den gekündigten kanadischen Angestellten in ihren Job eingearbeitet werden. Ein öffentlicher Aufschrei war die Folge. Der Begriff Temporary Foreign Worker war spätestens jetzt negativ besetzt. Ein Beispiel zur Berichterstattung aus der Zeit findet man hier.

  

Temporary Foreign Worker Program vs. International Mobility Program

  

Eine Maßnahme, die von der kanadischen Regierung ergriffen wurde, war die Verschärfung des Labour Market Impact Assessments (LMIA) durch die kanadische Arbeitsagentur, das der deutschen Vorrangprüfung ähnelt. Seitdem muss ein Arbeitgeber deutlich mehr Anstrengungen unternehmen, um kanadische Arbeitskräfte zu finden, bevor dem Antrag auf Freigabe einer Stelle für einen ausländischen Bewerber stattgegeben wird.

 

Eine weitere Maßnahme war die Umbenennung des ganzen Programms: Wurden früher alle befristeten Arbeitsgenehmigungen unter dem Etikett Temporary Foreign Worker Program zusammengefasst, so werden heute offiziell nur die Work Permits, bei denen ein LMIA verpflichtend ist, unter diesem Namen geführt. Der große Rest (also die LMIA-exempt Work Permits) läuft jetzt unter dem Oberbegriff International Mobility Program und taucht so in den offiziellen Statistiken zum Temporary Foreign Worker Program nicht mehr auf. Arbeitsgenehmigungen ohne LMIA können zum Beispiel Arbeitsvisa für begleitende Ehepartner sein oder für Arbeitnehmer, die zu einer kanadischen Tochterfirma ihres Unternehmens entsandt werden. Oder auch die beliebten Working Holiday Visa. Dies ist ein weites und nicht nur für den Laien sehr unübersichtliches Feld. Arbeitnehmervertreter haben das International Mobility Program als weitgehend unkontrollierten Zugang zum kanadischen Arbeitsmarkt kritisiert. Um mehr Kontrolle ausüben zu können, haben die Einwanderungsbehörden allerdings ein Internet-Portal für die kanadischen Arbeitgeber eingerichtete, die LMIA-exempt Work Permits für zukünftige Mitarbeiter benötigen. Über das Portal müssen sie ausführliche Jobangebote zur Begutachtung durch die Behörden einreichen, bevor ein Work Permit Antrag gestellt werden kann.

 

Work Permits in der Praxis

 

 Wie das Labour Market Impact Assessment genau abläuft, welche Pflichten Arbeitgeber und Temporary Foreign Worker haben und wie und wann man ein LMIA-exempt Work Permit beantragen kann – das werden Themen eines oder wahrscheinlich mehrerer zukünftiger Beiträge sein. Ein umfangreiches, aber interessantes Themenfeld. Kommen Sie also auch in Zukunft auf diese Seiten zurück.